Mittwoch, 31. Dezember 2014

Inaugurierte Eschatologie und Denken LOGOS

Dies ist kein besonders mitreissender Titel: inaugurierte Eschatologie. Aber sie bedeutet mir sehr viel. 

Eschatologie bedeutet die Lehre von den letzten Dingen. Auch das Wort Logos ist darin enthalten. Das Wort, denn nur mit Worte können wir auch denken. Mit Worten können wir das fassen, das beschreiben, was um uns geschieht. Und wir können weiter Denken. Wir können Dinge denken, die es noch nicht gibt. Hier kommt einer der Aspekte unserer Gottähnlichkeit zum Ausdruck: Wir sind kreativ. Wir können nicht nur logisch Denken wie ein Computer, sondern wir können ganz neu Denken.

In seinem Buch "Das Buch der Mitte" beschreibt der Inder Vishal Mangalwadi, wie wichtig Wörter sind. Er beschreibt, wie das alte Griechenland den Begriff Logos (= Wort) anfänglich so sehr schätzte, als Inbegriff des "alles beherrschenden Prinzips der Vernunft" (1). Dann kamen die Skeptiker, die die Vernunft hinterfragten und auf den Fuss des Skeptizismus folgt dann die Mystik.

Leider wurde in den griechischen Demokratien der Logos immer weniger zur Wahrheitsfindung eingesetzt, sondern als Instrument der Manipulation verwendet. Damit kam die Vernunft logischerweise in Misskredit. Erleben wir dies heute in unserer schweizerischen Demokratie nicht auch ein wenig? Werden die Massen durch Werbung gelenkt? Wird unsere Tradition des Miteinander diskutieren und eines gesunden Kompromisssuchens nicht durch zunehmende tendenziöse Berichterstattung und Meinungsäusserungen "manipuliert"? (2) Generell können wir uns wie Mangalwadi fragen, ob der Westen sich nicht auf dem gleichen Weg befindet, wie das antike Griechenland: Hat der Skezptizismus auch bei uns der Glaube an die Vernunft und Logik zerstört? Und werden wir als logische Folge davon für Mystik offen? Mangalwadi zitiert auf Seite 125 im erwähnten Buch Swami Dayananda von Haridwar:

"Wir nutzen die Logik, um die Logik zu zerstören." "Warum" fragt Mangalwadi: "Schöpfung, inklusive Vernunft, sei Produkt kosmischer Illusion (maya)."

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Johannes sein Evangelium mit dem Begriff LOGOS beginnt: Jesus Christus ist das Wort Gottes, indem alles Geschaffene geschaffen wurde. Jesus Christus ist somit das Fleisch (= Mensch) gewordene Wort Gottes. Damit ist er auch DIE Wahrheit, in einem sehr tiefen Sinne. Denn Logos ist ja der Inbegriff der Vernunft und Wahrheit.

Dazu gehört auch der Begriff inaugurierte Eschatologie. Es ermöglicht mir mein Leben anders zu "denken". 

Mit diesem Begriff ist gemeint, dass die Auferstehung, das Reich Gottes, der Tempel seit dem ersten Kommen Jesu in einer geistlichen Weise angebrochen und eingeführt ist, aber noch nicht in ihrem letztendlichen und sichtbaren Sinne.

Dieses "Schon jetzt und noch nicht" Prinzip erklärt manche scheinbar gegensätzliche Bibelstellen:


"Denn ihr seid nicht zu dem Berg gekommen, den man anrühren konnte, und zu dem glühenden Feuer, noch zu dem Dunkel, der Finsternis und dem Ungewitter, noch zu dem Klang der Posaune und dem Donnerschall der Worte, bei dem die Zuhörer baten, dass nicht weiter zu ihnen geredet werde - denn sie ertrugen nicht, was befohlen war: 'Und wenn ein Tier  den Berg berührt, soll es gesteinigt oder mit einem Geschoss erschossen werden!'
Und so schrecklich war die Erscheinung, dass Mose sprach: 'Ich bin erschrocken und zittere!' -,
sondern ihr seid gekommen zu dem Berg Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, und zu Zehntausenden von Engeln, zu der Festversammlung und zu der Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel angeschrieben sind, und zu Gott, dem Richter über alle, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten, und zu Jesus, dem Mittler des neuen Bundes, und zu dem Blut der Besprengung, das besseres redet als (das Blut) Abels. (Hebräer 12,18-24, Schlachter, Genfer Studienbibel)

Zürcher-Uebersetzung:
 
"Denn ihr seid nicht zu etwas hingetreten, was mit den Sinnen erfahrbar ist, nicht zu brennendem Feuer, zu Rauch und Finsternis und Sturm, nicht zu Schall von Posaunen und Dröhnen von Worten - die es hörten, baten, es möge kein Wort mehr hinzugeführt werden, denn sie ertrugen nicht, was da befohlen wurde: Selbst wenn ein Tier den Berg berührt ,soll es gesteinigt werden. Ja, so furchtbar war die Erscheinung, dass Mose sagte: Ich bin voll Furcht und ich zittere. Viel mehr seid ihr hingetreten zum Berg Zion und zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zu Tausenden von Engeln, zum Fest und zur Gemeinde der Erstgeborenen, deren Namen aufgeschrieben sind im Himmel, zu Gott, dem Richter aller, zu den Geistern der vollendeten Gerechten, zu Jesus, dem Mittler des neuen Bundes, und zum Blut der Besprengung, das machtvoller redet als das Blut Abels. (Hebräer 12,18-24)

So gewaltig ist der neue Bund mit Jesus Christus. Gleichzeitig erklärt es auch, wieviel zurückhaltender Gott nun auftritt. Gott lässt Raum für ehrliche Einkehr und Umkehr. Das Gnadenzeitalter, die Endzeit hat mit dem ersten Kommen Jesu angefangen. Und darum sollten wir Gott seine Barmherzigkeit nicht vorwerfen, indem wir sagen: "Warum richtet denn Gott nicht?" "Warum zerschlägt er die Bösen nicht?" Er richtet - noch nicht - damit sie Raum zur Umkehr haben. Auf eine andere Art bestrafen sich die Bösen aber immer auch selber: Sie leben hier schon ihre Hölle, die bis in alle Ewigkeit dauern wird, wenn sie nicht von ihren bösen Wegen umkehren. Ihr haschen nach Wind wird nie ein Ende haben. Sie leben ein Leben zur Ehre des Todes. Darum auch diese bösen Parolen, die Gott und Menschen erniedrigen. 

Aber diese Zwischenzeit spielt sich nicht nur um uns ab. Sie ist auch in uns selber, als wiedergeborene Christen eine Realität. Bereits im Alten Testament (im Tenach der Juden), wird klar definiert, dass jener Gerecht ist, dem Gott die Schuld vergibt. Dies gilt auch für uns Christen. Paulus sagt es so:

"Denn was ich vollbringe, billige ich nicht; denn tue nicht, was ich will, sondern was ich hasse, das übe ich aus.
Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so stimme ich dem Gesetz zu, dass es gut ist. 
Nun aber vollbringe nicht mehr ich dasselbe, sondern die Sünde, die in mir wohnt.
Denn ich weiss, dass in mir, das heisst in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; das wollen ist zwar bei mir vorhanden, aber das Vollbringen des Guten gelingt mir nicht.
Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will, das verübe ich. 
Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt." (Römer 7,15-20)

Paulus spricht hier vom Begriff gut im Sinne des absolut Guten, wie wir Menschen nicht sein können. Auch als wiedergeborene Christen können wir dies nicht. Paulus hat wohl das Wollen durch Gott erhalten (= Wiedergeburt). Aber er kann es immer noch nicht. Natürlich kann er gute Werke tun. Aber hinter seinen besten Werken verbirgt sich mindestens ein Körnchen Selbstgerechtigkeit, Hochmut und falscher Stolz. Und wenn es darum geht, einen Mitarbeiter zu vergeben und ihm noch einmal eine Chance zu geben, da hat Paulus völlig versagt. (s. die Geschichte mit jenem Markus, der später dann unser Markus-Evangelium geschrieben hat.) Darum musste er lernen, dass wenn er als Choleriker schwach ist, Gott wirken kann. Darum fährt er auch weiter:

"Ich finde also das Gesetz vor, wonach mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt. Denn ich habe Lust an dem Gesetz Gottes nach dem inwendigen Menschen;
ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetz meiner Gesinnung widerstreitet und mich gefangen nimmt unter das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.
Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Todesleib?
Ich danke Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn! So diene nun ich selbst mit der Gesinnung dem Gesetz Gottes, mit dem Fleisch aber dem Gesetz der Sünde. (Römer (7,21-25 Schlachter)

"So gibt es nun keine Verdammnis mehr für die, welche in Christus Jesus sind, die nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist.." (Römer 8,1 Schlachter)

Die Zürcher-Uebersetzung übersetzt 7,25 so:

"Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn! Also gilt: Mit der Vernunft diene ich dem Gesetz Gottes, mit dem Fleisch aber dem Gesetz der Sünde."

Für Vernunft steht der griechische Begriff noi. Elberfelder übersetzt dieses Wort mit Sinn. Dazu steht in der Elberfelder-Studienbibel, 3416:

nous: Sinn, Verstand, Denken, das Organ der denkenden Auffassung und des Begreifens, das Organ des  Bewusstsein und des Gewissens, welches vor dem Handeln arbeitet und danach wahrnimmt und beurteilt, das Organ, mit dem der Sinn der Worte erfasst wird. Es bedeutet: natürlicher Verstand, natürliches Denken, Gesinnung oder natürlicher Sinn, der sich von Gott abgewandt hat und deshalb das Wahre und Richtige nicht erkennen kann (Dann werden die entsprechenden Bibelstellen angegeben, wo es so gebraucht wird.);

vom Heiligen Geist erleuchteter und erneuerter Verstand oder Sinn, erneuertes Denken (und dann werden wieder die Bibelstellen angegeben, wobei sich auch unsere Römer 7,25 darunter befindet!);

Gottes Sinn, Denken, Verstand oder Absicht...."

Wir sehen, der griechische Begriff wird also auf drei Arten gebraucht: der natürliche Verstand/Sinn/Auffassung, der vom Heiligen Geist erleuchtete Verstand/Sinn/Auffassung und sogar Gottes Sinn, Denken und Verstand.

Nun sind wir wieder beim Eingang und unserem Begriff des Logos: Denken ist wichtig und wir sollten dies uns von niemanden madig machen lassen. Natürlich gilt auch hier: Das Denken dürfen wir nicht an Gottes Stelle setzten. Zur echten Weisheit gehört auch, das Erkennen, wo die Grenzen unseres Denkens liegen. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, unser Denken zur Gottes Ehre einzusetzen. Dafür haben wir es, wie alles andere, erhalten. Dazu müssen wir, wie alles in unserem Leben, es Gott immer wieder hingeben, damit Gott etwas Gutes daraus macht und Gott uns davor bewahrt in eitlen Wahn zu geraten. (Denn alles in dieser Zwischenzeit können wir pervertieren. Sogar unser Denken.) Unsere Vernunft, wenn sie sich auf gute Grundlagen bezieht, tut uns, dem Nächsten und unserer Gesellschaft gut.

In dieser Zwischenzeit zu leben ist nicht einfach. Gott bewahre uns die gesunde Mitte zu verlieren. 

Gebet: 
Lieber Heiland segne und bewahre uns von unserer eigenen Bösartigkeit. Danke bist Du dafür ans Kreuz und wir dürfen wissen: In Dir kommt alles Gut. Das Stürmen dieser Welt, das Stürmen unseres Herzens findet Ruhe in Dir. Vergebung, Versöhnung, wertschätzende Liebe. Dank sei Dir, grosser Heiland, wahrer König und Priester meiner Seele!
Wer ist wie Du? Uneigennützig stürztest Du Dich in unser Leben und liebtest uns zu Dir, obwohl wir Dich anfänglich hassten. Es störte uns Deine Wahrheit und Klarheit. Wir wollten nicht hören, wie schlimm es um diese Welt UND uns steht. Das Du dafür so leiden musstest!

Mutiger Jesus Christus: DANKE!

Lieber Vater im Himmel, danke für Deine Liebe zu uns, die wir in Jesus Christus erkennen können.

Schau auch für unser Nächsten. Die Regierungen und Manager, Väter und Mütter und alle Menschen in Verantwortung. Segne Sie und gib ihnen Weisheit. 

Schau für die Eidgenossenschaft und für Europa. Für die EU, die Ukraine und Russland. Segne und schenke Weisheit!

Du bist Herr. Der Nahe Osten, der sein Multikulti in unser Zeit immer mehr verliert. Wo sind alle demonstrierungsfreudigen Menschen? Vergib unsere Ungerechtigkeit. Schau auch auf Deine Kinder und schaffe ihnen Raum zum Leben!

"Sieh, ich komme bald, und den Lohn bringe ich mit, um einem jeden zu geben, wie es seinem Werk entspricht. Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.
Selig, die ihre Gewänder waschen; sie sollen ein Anrecht haben auf den Baum des Lebens und durch die Tore einziehen in die Stadt. Draussen bleiben die Hunde, die Zauberer, die Unzüchtigen, die Mörder, die Götzendiener und jeder, der die Lüge liebt und lügt."

So sagt es Jesus, Offenbarung 22,12-15
Und danke Herr, wäscht Du meine Kleider. Sonst wäre ich auch Draussen.



Amen.


Anhang
(1) Seite 126: "Professor Raoul Mortley untersuchte den Aufstieg und Fall des Logos im antiken Griechenland. In seiner Studie From Word To Silence (dt. Vom Wort zum Schweigen) führt er aus, dass die Idee des logos, des rationalen Wortes als bestimmendes Kriterium des Universums, mit den vorsokratischen Denkern in Griechenland seinen Anfang nahm. Sie endete mit der Schliessung der Athener Akademie im Jahre 529 n. Chr."

Mangalwadi fährt dann weiter:
"Doch bereits Jahrhunderte, bevor die Akademie ihre Pforten schloss, waren die Griechen der Logik gegenüber misstrauisch geworden, da ihre grossen Rhetoriker, die Sophisten, die Logik zur politischen Manipulation nutzten. Da Demokratie von der Uebzeugungskraft der Argumente abhängt, spielten die Rhetoriker in den griechischen Stadtstaaten eine wichtige Rolle. Die Parteien, die in Opposition zueinander standen, arbeiteten mit Logik. Logik galt daher zunehmend als Instrument der Manipulation und wurde nicht mehr als Mittel zur Wahrheitsfindung eingesetzt."



(2) Es ist wohl noch nicht so schlimm. Aber jene gesunde Grundhaltung, die ich einmal nach einer Abstimmung nach einer Gemeindeversammlung eines Dorfes hörte, drückt das aus, was ich sagen möchte. Es ging um die Entscheidung, ob das Dorf sich an der Fernwärme einer Stadt anschliessen sollte oder nicht:

"Meine Meinung wurde sehr knapp angenommen. Vielleicht sollten wir nochmals darüber abstimmen, damit wir eine eindeutigere Entscheidung haben, die alle tragen können."

Vermehrt höre ich das Gegenteil: Dieser oder jener Politiker habe eine Abstimmung über dieses oder jenes Thema gewonnen. Die Medien scheinen selber nicht mehr von der gemeinsamen Suche nach der Wahrheit und dem gemeinsamen Weg in einer direkten Demokratie zu wissen, indem sie es zu einem Kampf von verschiedenen Politikern verringern.

Diese Tendenz kann sich nun noch steigern. Ein Beispiel aus der Geschichte: Kurz vor dem Ende der antiken römischen Republik töteten sich sogar die verschiedenen Politiker. Oder das moderne Aeypten: Nach der Präsidentenwahl musste der Verlierer das Land verlassen. Es hätte nicht viel gefehlt und der Flüchtling wäre Präsident geworden. Auf dem Weg zu solchen Zuständen müssten wir also nicht nur den Abstimmungskampf zu einem Kampf der verschiedenen Politiker verringern, sondern auch beginnen, Menschen mit unterschiedlicher Meinung zu diffamieren. Nach dem Rufmord könnten wir dann noch den physischen Mord einführen. Und dann käme es, wie es im alten Rom war: Man wählt sich einen Diktator, einen Kaiser, damit der Ruhe und Ordnung schafft. Wenn wir die Wahl haben zwischen Chaos oder Ordnung, werden wir die Ordnung wählen, weil wir ja irgendwie leben möchten. Wir sollten also vorher unsere Demokratie auf guten Grundlagen belassen oder wieder gründen. Ordnung UND Freiheit ohne Chaos. Oder zumindest eine Freiheit, die nicht in ein immer schlimmer werdendes Chaos mündet, sondern die verschiedenen Gaben der Individuen Raum geben. Aber kann man dies in einer Gesellschaft, die dazu neigt, jede verbindliche gute Grundlagen als Fundamentalismus abzutun und dabei nicht einmal merkt, dass der Relativismus selber sehr fundamentalistisch sein kann. 
Hier berühren wir auch die Frage, wie man Fundamentalismus definiert. Einst war es der Begriff, der bezeichnete, dass man sich auf ein Fundament bezog: Protestantische Fundamentalisten zum Beispiel bezogen sich auf das Fundament der Bibel. Islamische Fundamentalisten auf deren Grundlage. Relativisten auf deren Glaubensgrundsatz, dass alles relativ sei, Kommunisten auf Marx und Engel usw. In unserer Zeit erlebten wir Fundamentalisten, die sehr brutal ihre Ueberzeugungen auf andere überstülpen - sogar Andersdenkende diffamieren oder töten. Dadurch änderte sich die Anwendung des Begriffes Fundamentalismus. Es wurde zu einem Begriff für Menschen, die ihre Bösartigkeit in ihrer Selbstgerechtigkeit ausleben. Gleichzeitig wurde der Begriff auch zu einer mundtot-machenden Keule, indem man Andersdenkende in die fundamentalistische Ecke stellt. Ironischerweise gibt es heute also auch Menschen, die andere Fundamentalisten nennen, die selber den erwähnten neuen Sinn des Begriffes damit ausleben! Die Kritik an jemanden sagt immer sehr viel über den Kritisierenden selber aus. Das muss es auch: Der Kritiker wertet. Das kann er nur machen, indem er eine Grundlage, eine Ueberzeugung hat, nach der er urteilen kann. Hinter einer Kritik steckt aber noch mehr als intellektuelle Ueberzeugungen. Wenn wir herzlos und selbstgerecht richten, zeigen wir auch, was unsere Beweggründe sind: Wir glauben in unserer Selbstgerechtigkeit unsere Bösartigkeit ausleben zu dürfen. Neben unserer Lieblosigkeit frönen wir nun auch noch dem Hochmut. Somit kann das Fundament unseres Glaubens wahr sein oder nicht. Aber selbst wenn unsere Ueberzeugungen wahr sind, kann die Motivation hinter unseren Werturteilen und Fundamenten bösartig sein, weil sie lieblos sind. Genau dies wird in 1. Korinther 13 über den Wert von echter Liebe gesagt.

Somit können wir unser Fundament fundamentalistisch ausleben im neueren Sinn (= herzlos) oder aber eben auch nicht. Als Christen sollte unser Fundament die Wahrheit, Jesus Christus, die Liebe, das Wirken Gottes, die Gnade und die Barmherzigkeit sein. Das können wir natürlich aus uns aus nicht ... Darum brauchen wir ja auch die Gnade Gottes. Und dies sollte uns wiederum barmherzig machen. Die Kirchengeschichte ist voll von beidem. Denn die Kirche ist ohne Gott ebenso tot, wie ein Handschuh ohne Hände darin. Zum Begriff "Ohne Gott" gehören auch unser selbstgemachten Gottesvorstellungen.

Mittwoch, 24. Dezember 2014

Weihnachten 2014

Ein Zitat von Orwell:


„Zweihundert Jahre lang haben wir an dem Ast gesägt, auf dem wir sitzen, und gesägt , und gesägt. Am Ende wurde wir für unsere Mühe belohnt, viel eher als erwartet. Wir fielen herunter. Jedoch hatten wir uns unsere Landung ganz anders vorgestellt: der Boden, auf dem wir landeten, war kein Bett voller Rosen, sondern eine Jauchegrube voller Stacheldraht 

die Entfernung der Seele scheint deshalb kein routinemässiger chirurgischer Eingriff zu sein wie etwa eine Blinddarmoperation. Die Wunde kann sich entzünden.“ 

George Orwell, ‚Notes on the Way‘, 1940

Ich wünsche mir für Weihnachten 2015, dass wir den Sinn von Weihnachten wiederentdecken. Das wir Weihnachten nicht auch noch absägen. Im vorangehenden Beitrag über "Das Buch der Mitte" sind einige konkrete Gedanken in Bezug auf unsere Gesellschaft dazu zu finden. Hier möchte ich aber die Bibel selber sprechen lassen:

"Im Anfang war das Wort, der Logos, und der Logos war bei Gott,
und von Gottes Wesen war der Logos (Gott war das Wort).
Alles ist durch ihn geworden, und ohne ihn ist auch nicht eines geworden, das geworden ist.
In ihm war Leben, und das leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht schient in der Finsternis,
und die Finsternis hat es nicht erfasst."

So beginnt das Johannes Evangelium (1,1-5) in der neuen Zürcher Uebersetzung. Logos ist der griechische Begriff für Wort. Und hier ist damit Jesus Christus gemeint: 

"Und das Wort, der Logos, wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir schauten seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit, wie sie ein Einziggeborener vom Vater hat, voller Gnade und Wahrheit." (Vers 14) 


Gott hat mit seinem Wort die Welt geschaffen. Jesus Christus ist das Fleisch gewordene, dass bedeutet zum Mensch gewordene Wort Gottes. An Weihnachten feiern wir diese Geburt: Geboren von der Jungfrau Maria, trat der ewige Sohn Gottes als Mensch in unsere Welt. Eine Erniedrigung, die sich religiöse Menschen schwer vorstellen können, weil es so ungeheuerlich ist. Gott selber lässt sich zu seiner Schöpfung herunter. Noch mehr, er setzt sich ihrer Dummheit und Bösartigkeit aus: Er wird auf der einen Seite verehrt und auf der anderen Seite beschimpft, verlacht und schlussendlich auf grausame Weise gekreuzigt. Der einzig wirklich gute Mensch - Gott als Mensch - wird von uns Menschen gekreuzigt. Dies zeugt von deutlichen Charakterdefiziten von uns Menschen: Wir ertragen es nicht, einem wirklich guten Menschen zu begegnen.  

Ganz anders die Schafhirten, Menschen der "untersten" Schicht der Gesellschaft. Sie ehren seine Geburt in Betlehem. Und dann waren noch drei reiche Wissenschaftler aus fernen Landen, die ihn ehrten. Ansonsten wollte man ihn schon als Baby töten. So flohen seine Eltern mit ihm nach Aegypten.

Dieser Jesus Christus sagt: 

"Amen, amen (d.h. Wahrlich, wahrlich oder Es ist sicher so), ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern ist hinübergegangen aus dem Tod in das Leben." (Johannes 5,24 Zürcher)

Danke lieber Heiland ist dies wahr! Du liebst mich so sehr. Darum kamst Du auf diese Welt als hilfloses Baby von Eltern, die vermutlich noch Teenager waren: Maria und Josef. Dein Stiefvater Josef setzte sich ein. Maria war in ihrer Jugend so mutig und vertraute Dir. Beide verstanden wohl nicht alles, aber sie waren treu. Ich staune. 

Deine Weisheit überraschte alle - schon als Du Kind warst. 
Deine Heiligkeit erregte Widerstand und forderte heraus.
Danke nahmst Du alles auf Dich, um mich zu erretten. Weil Du mich liebst und darum mich erschaffen hast. 
Ich komme so gerne in Deine offenen Arme und lasse mich von Dir trösten. Grosser Gott, liebevoller Heiland!

Auch Dir, lieber Vater, danke ich. Du nahmst es auf Dich, dass Dein Sohn zu einem Sündenbock wurde für meine Sünden. Der Meine Sünde auf sich nahm und in die Wüste trug. Freiheit errang er für mich! Danke! Danke opfertest Du Deinen Sohn. Das muss Dir sehr weh getan haben. Aber Deine Liebe zu mir war stärker. Danke Jesus nahmst Du im Gehorsam das auf Dich, weil auch Du mich so liebst.

Was für eine Treue Gottes!

Ich kann nichts dafür, dass Du mich so liebst.  Ich kann nichts tun, was dies begründen würde. Ich kann nur danke sagen und Dich, grosser, Dreieiniger Gott anbeten.

Allmächtig und ewige Liebe. Danke willst Du mich in diese wertschätzende Liebe der Dreieinigkeit aufnehmen. Dafür hast Du alles bezahlt! Danke. Amen


PS: Jesus Christus konnte dann ja aus dem Exil aus  Aegypten zurückkehren:
"und blieb in dort bis nach dem Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Hosea 11,1): 'Aus Aegypten habe ich meinen Sohn gerufen.'" (Matthäus 2,15)
Interessant ist, dass sich Herodes der Grosse so vor Jesus gefürchtet hat. Er, der so gute Beziehungen zum jeweiligen aktuellen römischen Kaiser hatte. Der grausam seine Macht verteidigte und ausweitete und so gewaltige Bauten, Paläste und Städte erbaute, war erschrocken von einem gerechtfertigten Konkurrenten auf den Thron.
Laut Matthäus 2,15 hat sich so Hosea 11,1 erfüllt. In Matthäus 3,14 - 23 wird dann bereichtet:
"Als aber Herodes gestorben war, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum n Aegypten und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und zieh hin in das Land Israel; sie sind gestorben, die dem Kindlein nach dem Leben getrachtet haben. (So war das Problem erledigt. In diesem Sinne ist der Tod auch eine Gnade: Jeder Schreckensherrscher wird auch einmal sterben.)
Da stand er auf und nahm das Kindlien und seine Mutter mit sich und kam in das Land Israel.
Als er aber hörte, dass Archelaus in Judäa König war anstatt seines Vaters Herodes, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Und im Traum empfing er Befehl von Gott und zog ins galiläische Land und kam und wohnte in einer Stadt mit Namen Nazareth, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch die Propheten: Er soll Nazoräer heissen."

Josef und Maria hatten einen ganz speziellen Auftrag. So führte sie Gott auch sehr deutlich.

Dienstag, 23. Dezember 2014

Das Buch der Mitte von Vishal Mangalwadi

Das Buch der Mitte
Von Vishal Mangalwadi

Vishal Manalwadi, ein Inder, der sich fragt, warum der Westen seine Jahrhunderte lange Quelle des Erfolgs abschneiden will.

Dabei ist ihm der Begriff der Mitte wichtig. Es kommt immer wieder vor, wenn er beschreibt, wie wir Menschen diese Mitte brauchen oder wie es sich anfühlt, wenn wir diese Mitte verloren haben. Das Buch der Mitte ist für ihn die Bibel. Sie ist es auch, die über Tausend Jahre für den Westen eine Quelle der Inspiration war. So schreibt er:

„Die Kritik an der Bibel bestätigt daher letztlich deren einzigartige kulturelle Kraft. Sie war der intellektuelle und moralische Kompass des Westens, der ‚heilige Baldachin‘ (Peter Berger), der seinen Werten und Institutionen die Berechtigung verlieh.

Hingegen führt die Ablehnung der Bibel wieder zu dem, was Jacques Barzun ‚Dekadenz‘ nennt. Dies brachte die Moderne (l: Damit meine ich die Periode vom 16 Jhr. bis Mitte des 20. Jh., in der die Bibel eine beherrschende kulturformende Kraft war – auch wenn Skeptiker, Agnostiker und Atheisten sie ständig kritisierten.) zum abrupten Stillstand – ‚gerade zu dem Zeitpunkt, als sich die westliche Kultur anschickte, sich in der Welt grosser Beliebtheit zu erfreuen.‘ Nachdem man sich der Bibel entledigt hat, produziert die Bildungsmaschinerie des Westens ‚Irrende‘, die sich wie Cobain verloren fühlen. Sie schafft es, gute Roboter herzustellen, aber sie ist ausserstande, einen guten Menschen auch nur zu definieren. An der postmodernen Universität wird man zwar gelehrt, wie man zum Mars fliegen kann, aber nicht, wie man seine Familienleben gestaltet oder als Staatsbürger lebt.“

„Der in Indien geborene englische Autor George Orwell (1903 – 1950) war Sozialist und dem Atheismus zugeneigt. Die Schrecken des Faschismus, Nationalismus, Kommunismus und zweier Weltkriege zwangen ihn, den Konsequenzen der ‚Amputation der Seele‘ ins Auge zu schauen. In seinen ‚Notes on the Way‘ beschrieb Orwell die Autoren, die an der westlichen Seele gesägt hätten, bis diese abgetrennt war: ‚Gibbon, Voltaire, Rousseau, Shelley, Byron, Dickens, Stendahl, Samuel Butler, Ibsen, Zola, Flaubert, Shaw, Joyce und Saboteure.‘ Diese ‚Autoren der Aufklärung‘ führten den Westen in die gegenwärtige Finsternis.“ (Seite 48-49)

Orwell beschäftigte sich damals mit dem Buch „The Tirties“ von Malcom Muggeridge. Zu diesem Zeitpunkt war Muggeridge noch Atheist, als er schrieb:

„Wir leben in einem Albtraum, gerade weil wir versucht haben, ein irdisches Paradies zu errichten. Wir glaubten an den ‚Fortschritt‘. Auf die Führung des Menschen fixiert, haben wir dem Kaiser gegeben was Gottes ist (…). Es gibt keine Weisheit, es sei denn in der Furcht Gottes, aber da niemand Gott fürchtet, gibt es auch keine Weisheit. Die Geschichte des Menschen reduziert sich nun auf den Aufstieg und Niedergang materieller Zivilisationen, ein Turmbau zu Babel folgt dem anderen (…) abwärts in Abgründe, die zu schrecklich sind, um über sie nachzudenken“ (Seite 49 zitiert.)
Mangalwadi lernte die Bibel während seines Studiums in Indien kennen: „Dies veränderte mich als Person, und schon bald begriff ich, dass im Gegensatz zu dem, was an der Universität gelehrt wurde, die Bibel die Kraft war, die das moderne Indien hatte entstehen lassen.“ (Seite 50)

Nun merkt man, dass Mangalwadi gar nicht pessimistisch ist, obwohl er sich fragt, warum der Westen sich von seiner Quelle des Erfolgs abschneidet. Nur schon alleine die Beschreibung der Wichtigkeit der Musik (ab Seite 35: „Die Verankerung der Musik in der westlichen DANN) ist grandios. Vorher beschreibt er, wie Cobain aus dieser Kultur schöpfte und sie doch gleichzeitig ablehnte. Als Inder vergleicht er dann denn Stellenwert der Musik im Buddhismus, im Hinduismus, im Koran usw. Und man staunt, dass unsere Wertschätzung der Musik nicht selbstverständlich ist, sondern letztendlich ein Erbe des Buches der Mitte ist. Cobain hatte diese Wertschätzung „vergessen“:
„Ob es ihm selbst bewusst war oder nicht, es handelte sich überwiegend um zen-koans, um Sinnlosigkeiten, wie…

Cobain begann Suizid, weil nichts Positives wachsen kann, wenn man vom Grundgedanken des Nichtseins als ultimativer Wahrheit ausgeht. Dieser Gedanke vermittelt der Welt weder Lebensfreude, noch bringt er Bedeutung oder Hoffnung in das Chaos des eigenen Lebens, in dem man sich befindet. So bleibt als einzige Konsequenz, dass man die Menschen dazu anregt, den Ausstieg aus dieser Welt zu finden und das Nirwana zu suchen. Doch letztlich kann auf dem Boden des Nihilismus keine Musikkultur aufblühen. Cobains persönliche musikalische Begabung konnte sich nur deshalb entfalten, weil er von der einzigartigen Musikkultur und Musiktradition vorhergehender Generationen profitieren konnte. Darüber hinaus scheint Musik in der westlichen Geisteshaltung so selbstverständlich und so sehr verankert zu sein, dass sie zentral und als etwas Natürliches zum Leben dazugehört – als wesentlicher Bestandteil von traditionellem gottesdienstlichen Leben und Bildung.“ (Seite 32)

Er schreibt noch einiges Mehr über die Musik. Ich kann nur sagen: Ich lebe zwar mit Musik (singe gerne, schrumme etwas Gitarre und habe schon versucht Klavier zu lernen.), aber mir war im Verstand nicht so tief bewusst, dass damit die nicht materielle Welt zum Klingen kommt. Dazu gehört auch die Frage: Kann man mit Materiellen die Seele erreichen? Dies war sehr interessant. Nun verstehe ich auch im Verstand besser, was mich beim Singen und Spielen so anspricht. Darum ist das Loben mit Liedern und Instrumenten so wertvoll und beglückend!

Was mich schockierte – und das ist wohl die besondere Faszination dieses Buches: Es zeigt die Probleme des Westens auf + es gibt auch Hoffnung, wie wir wieder zu unserer Quelle zurückfinden können. Aber zurück, zu dem was mich auf Seite 25 schockierte:
„Diana Grains bemerkte in ‚Rolling Stone‘, vor den 1960er-Jahren habe es unter der amerikanischen Jugend praktisch keine Suizidversuche gegeben. Nach 1980 nahmen sich jedoch jedes Jahr fast 400‘000 Heranwachsende das Leben. Bereits 1987 galt der Freitod unter Teenagern nach Verkehrsunfällen als zweithäufigste Todesursache. In den 1990-er Jahren sank der Suizid dann auf Platz 3, weil sich die jungen Menschen genauso oft gegenseitig töteten, wie sie sich selbst umbrachten.“ (Seite 25) Danach folgt die Erklärung von Grains, der Aufzeigt, wie falsch es ist, die Verantwortung den Jugendlichen zuzuschieben. Ein Auszug davon: „Viele junge Menschen gerieten in einen Kreislauf der Sinnlosigkeit und Verzweiflung. Diese Schuld muss man den Erwachsenen anrechnen, denn sie hatten eine gesamte Generation im Stich gelassen, ihnen nicht ausreichend Schutz geboten, ihnen keine Chance gegeben, später ein eigenständiges Leben führen zu können. Als die ersten Anzeichen von Vernachlässigung bei ihnen sichtbar wurden, die sich in Suizidraten, Mord, Drogenmissbrauch, Schulversagen, Rücksichtslosigkeit und einem Lebensgefühl des Elends äusserten, bezeichneten die Erwachsenen sie als teilnahmslos, Analphabeten und gewissenlose Versager.“

Interessant ist auch die Bemerkung, wie der Westen immer mehr die Wertschätzung vor dem Lesen verliert:

„Die Bibel entwickelte die moderne Welt mit Wissenschaft und Bildung, weil sie uns die Vorstellung vermittelte, die der Schöpfer selbst davon hat. Dies hat dazu geführt, dass die moderne westliche Welt zu einer lesenden und denkenden Gesellschaft wurde. Die Menschen der Postmoderne sehen meist wenig Sinn darin, Bücher zu lesen, die nicht direkt ihrer Karriere oder ihrem Vergnügen dienen. Dies ist ein logisches Resultat des Atheismus, der verstanden hat, dass der menschliche Geist von sich aus unmöglich wissen kann, was richtig und wahr ist.“ (Seite 20)
Und diese Entwicklung merke ich sogar in christlichen Buchläden. Gute, tiefschürfende Literatur wird immer mehr als „Nebenprodukt“ angeboten. Leichte Literatur ist gefragt und lässt sich auch im christlichen Umfeld besser verkaufen, als Bücher, die uns im Denken weiterbringen… Ein Lektor eines christlichen Verlages bestätigte mir dies. Er würde gerne mehr Auslegungen und tiefschürfende Literatur veröffentlichen, aber es lässt sich in unserer Zeit viel schwerer verkaufen als früher. Zur gleichen Zeit lechzt unsere Zeit nach Sinn und Inhalt. Darum boomt die esoterische Szene und generell Bücher mit religiösem und psychologischem Inhalt. Aber vermutlich darf es dann doch wieder nicht zu fundiert sein. Vermutlich wurde darum das Wort „Fundamentalismus“ in unserer Zeit zu so einem wichtigen Wort. Wir leben in einer merkwürdigen Zeit… Wir scheinen wirklich die gesunde Mitte verloren zu haben.

In seiner Einleitung ab Seite 17 geht er auch auf die Kritik von Dr. Arun Shourie ein, einer der bekanntesten Intellektuellen in Indien. Er warf den Briten vor, dass sie Missionare ins Land brachten, dass das indische Denken kolonialisiert habe. Er hat die Bibel auch als irrationales und unsittliches Buch angegriffen. – Ich finde die Kritik, dass die Bibel ein unsittliches Buch sei, interessant. Man hört diese Kritik ja auch von gewissen islamischen Kritikern. Besonders wenn man bedenkt, dass im Westen für gewöhnlich eine ganz andere Kritik angebracht wird. Da der Westen wohl mehrheitlich eher „links“ von der Mitte sich bewegt (, ich meine damit, dass wir uns offen gegen Gottes Wort und seinem Rechtsverständnis wenden,) verstehen wir vermutlich nicht mehr, wie es Menschen „rechts“ von der Mitte (damit meine ich Menschen, die durch ihren Gehorsam Gott vereinnahmen wollen,) herausfordernd finden, wenn die Bibel die Realität darstellt. Dies bedeutet: Wir stören uns daran, dass die Bibel von Wahrheit und von Gut und Böse redet. Während andere sich daran stören, dass Gott Sünder ohne Leistung gerecht spricht. Gott kann es uns selbstsüchtigen Menschen einfach nicht recht machen!

Interessant ist nun, dass sich Dr. Arun Shourie für Pressefreiheit und Demokratie einsetzt. Doch seine Argumente werden nun von der hindustischen Bharatiya Janata Party (BJP) genutzt. „Die BJP nutzte Shouries buch als Propaganda für ihre Ziele. Sie vertrat die Position, alle liberalen hinduistischen Parteien, wie der Indische Nationalkongress, sollten abgewählt werden, da der liberale Hinduismus Christen und Muslimen erlaubt habe, unser Volk zu bekehren und die indische Kultur zu untergraben.“ (Seite 17)
„Die Bibel – das Buch, das in Indien Bildung, Gleichberechtigung und allumfassende Modernisierung angestossen und aufrechterhalten hat – wurde so hingestellt, als sei sie nur etwas für die Einfältigen.“ (Seite 18) Kennen wir diese Kritik an der Bibel nicht auch?
„Arun Shourie besuchte einst eines der renommiertesten christlichen Colleges in Indien, er erhielt einen Doktortitel von einer angesehenen amerikanischen Universität, die von protestantischen Christen mit dem Ziel gegründet worden war, biblische Inhalte zu lehren. Er arbeitete als Beamter der Weltbank und stand an der Spitze von Indiens grösster Zeitungskette. Viele von uns verehrten ihn für sein mutiges Eintreten für ethische Werte und tun dies bis heute…..“ Dann kommt er auf die entscheidende Frage:
„Warum erkannte er nicht, dass die Bildung, die er selbst genoss, das amerikanische Wirtschaftssystem, das er studierte, die freie Presse, die er verfocht, die politische Freiheit, die er über alles schätzte, und das öffentliche Leben, um dessen Befreiung von Korruption er kämpfte, allesamt auf die Bibel zurückzuführen sind? (Leider ist mittlerweile vieles davon säkularisiert und Opfer der Korruption geworden.)“ (Seite 18-19)
Er gibt darauf eine Antwort. Das Buch der Mitte sei übrigens auch als ein Beitrag zum 400-jährigen Jubiläum der King-James-Bibel gedacht. (Seite 19)
Hier aber noch eine Kostprobe einer Antwort und auch der Problemstellung im Vorwort von Herrn J. Stanley Mattson Ph.D.:

„In ‚Whats’s the Use of Truth‘ (dt. Wozu ist Wahrheit nütze?) behauptet Rorty, es gebe keine privilegierte Position und keinerlei Autorität, die uns einen rationale zu rechtfertigenden Standpunkt liefere, von dem aus wir die ‚reale’ Welt kennen lernen könnten. Das Wort ‚Wahrheit‘, so betont er, habekeine signifikante Bedeutung mehr. Die traditionelle Unterscheidung zwischen wahr und falsch sollte daher abgeschafft werden. Stattdessen könnten wir nur in Sprachgeflechten und Sätzen reden, die ein mehr oder weniger grosses Mass an ‚Geschmeidigkeit‘ und Homogenität aufweisen.“ (Seite 11)
Das führt dann wohl auch zu jener merkwürdigen Aussage, die mir jemand vor kurzem entgegnete. Ich machte darauf aufmerksam, dass in Westafrika das Ebola-Virus sich besser ausbreiten konnte, weil dort die Hygiene kleiner als in Ostafrika war. Zudem begünstige der Aberglaube die Krankheit, denn gerade Tote sind sehr ansteckend. Daher sollte man, z.Bsp., die Toten nicht ausgraben und umarmen. Dabei machte ich auf die Helden vor Ort aufmerksam. Jene, die die Opfer beerdigten. Oder jene Tochter, die mit bescheidensten Mittel ihre Verwandten retten konnte, da das Spital für ihre Angehörige keinen Platz mehr hatte. Mit Abfallsäcken und einfachsten Mitteln schützte sie sich selber. Als Unterstützung hatte sie einen Arzt am Telefon und aufbauende Mittel bekommen. Sie selber mussten ihr Erspartes für Wasser usw. ausgeben. Nur einer ihrer Familie starb. Alle anderen konnte sie retten. Diese junge Frau glaubte an Wahrheit. Und sie nahm sie an, akzeptierte sie und handelte in der Wahrheit. Mein Schweizerischer Gesprächspartner leugnete aber (indirekt) die Existenz von Wahrheit: Für die Westafrikaner sehe das anders aus. Auch wenn sie bei der Berührung der Leichen krank werden, ist das für sie anders. Es fehlte nur noch, dass er sagte, Wahrheit sei relativ und für sie stimmt es so. Aber selbst, wenn es „für sie so stimmt“, ist es für sie eine Tragödie. Und was ist mit all den anderen, für die es so nicht stimmt? Wieviel Menschen hätten nicht sterben müssen, wenn man die Wahrheit akzeptiert hätte und dadurch verhältnismässig reagiert hätte? Aber mir wurde da nur gesagt, dass es sich hier um eine natürlich Verringerung der Ueberbevölkerung handele. Schrecklich! Ich hoffe, lieber Leser, sie merken wie schlimm das ist. Menschenverachtend, lieblos und vollkommen verirrt. Da sind nicht nur abergläubische Menschen in Afrika irregeführt, sondern auch „hoch gebildete“ Schweizer. Mal ganz davon abgesehen, dass unsere Erde viel mehr Menschen ernähren könnte, wenn wir richtig damit umgingen. Nur schon dieser Gedanke ist eine denkerische Verwirrung sondergleichen. Man muss nicht Menschen sterben lassen, um Probleme zu lösen. Man muss den Menschen zum Leben helfen!!!!!!!! Dann ist ihnen geholfen. Hören wir doch auf mit dieser Kultur des Todes!
Aber zurück zum Vorwort:

„Doch genau dieses Argument entzog Rorty jegliche rationale Basis für die Verteidigung irgendwelcher Sozialstruktur oder Weltsicht, wie wünschenswert oder überzeugend diese auch sein mag.“ (Seite 11)
Und dann kommt es, mit dem Zitat von Rorty aus „The Future of Religion (dt. Die Zukunft der Religion):
„Es mag lediglich historischer Zufall sein, dass immer das Christentum präsent war, wo Demokratie für alle eingeführt wurde; vielleicht war dies auch nur innerhalb einer christlichen Gesellschaft möglich. Aber es ist müssig, darüber zu spekulieren““ (Seite 11 – 12)

Mit anderen Worten: Rorty hat eine philosophische Weltsicht geschaffen, in der er die Realität, die Wahrheit so leugnet, dass er das offensichtliche nicht mehr betrachten kann. Es hat einfach keinen Platz mehr in seinem Denken, also gibt es dies für ihn auch nicht mehr! Eine Philosophie die blind macht! Und ich bin versucht zu sagen: Die Unweise macht. Da wir kaum noch von Weisheit sprechen, sieht man, wie weit es gekommen ist…
Stanley folgert dann auch:

„Wenn keine Wahrheitserkenntnis mehr möglich ist – wenn alle Wahrheit nur eine Funktion sozialer Gedankengebäude ist -, dann hat das Denken an sich keine wirkliche Autorität mehr, und dann bestimmen stattdessen akademischer Modetrend und das Marketing, was geglaubt wird oder nicht. Noch schlimmer: Es besteht das Risiko, dass an die Stelle der bisher anerkannten Autorität ‚Wahrheit‘ nun glatte Nötigung tritt. Fragen zum Wesen der Wahrheit, der Bedeutung des Lebens, der Ehre, der Tugend, der Weisheit und der Liebe sind dann nur noch kuriose Relikte einer altmodischen Denkweise.“ (Seite 12) Danach folgt ein Zitat von C.S. Lewis, indem Lewis beschreibt, wie er sich aus diesem ‚chronologischem Snobismus‘ befreien konnte.
Zum Buch meinte er:

„Während Bloom das Ende des amerikanischen Geistes beklagt, verströmt Mangalwadi einen Optimismus, der neuen Mut schenkt.“ (Seite 14)

Ab Seite 53 unter dem Titel „Dienst an den Armen oder eine Fahrkarte ins Gefängnis?“ erfährt man, dass dieser hochintelligente Inder nicht nur gut denken kann, sondern es auch umsetzt. In Indien gehören die Bauern zu den ärmsten. Als ein Hagel die Ernte vernichtete und ihre Hausdächer beschädigten, möchte er ihnen helfen. Dies wird ihm von der Regierung vor Ort verboten. Sie wollen gehorsam sein und fügen sich. Aber sie wollen dafür beten. Auf eine Einladung des Gandhi-Aschram sollten sie öffentlich auf ihrem Gelände beten. Das wird ihnen auch verboten. Und hier kommt er mit seiner Gruppe zur Ueberzeugung, dass man in diesem Punkt Gott mehr gehorchen muss als Menschen. Dies setzte eine Entwicklung ein, indem er das realexistierende Indien kennen lernte. In diesem Prozess durfte er in ein Gefängnis, wo er ein Buch schreiben konnte. Es tönt beinahe wie aus alter Zeit als John Bunyan viele seiner Bücher im Gefängnis geschrieben hat…Auf Seite 555 steht dann auch über den Autor: „War er zunächst mit der Gründung und Organisation von Hilfsprojekten befasst, unternahm Vishal bald darauf den nächsten Schritt. Er gründete für die ‚Unberührbaren‘ sowie für die einfache Landbevölkerung politische Parteien und war in zwei Landesgeschäftsstellen politscher Parteien in Neu-Delhi tätig. Für seine schriftstellerische Arbeit, entstanden vor dem Hintergrund seines Dienstes an der armen Bevölkerung, ehrte ihn die Bhartiya Dalit Sahitya Academy mit dem ‚Distinguished National Service Award‘. Die William Carey International University in Pasadana, Kalifornien, ehrte ihn mit einem LL.D, ….“

Er ist 1949 geboren, ist mit Ruth verheiratet und hat zwei Töchter und fünf Enkel. Videos von ihm findet man unter www.RevelationsMovement.com
Der Mann beeindruckt mich. Wäre doch unser Christentum auch so: Orthodox und unendlich barmherzig, wahrhaftig und in der Gnade Gottes tief verwurzelt, damit wir unser Christsein als ein Gnadengeschenk Gottes verstehen. Und aus diesem Beschenktsein heraus anderen Menschen dienen wollen. Nicht in erster Linie, dass unsere Gemeinden und Kirchen grösser werden, sondern damit den Menschen einfach geholfen wird und die Welt etwas besser, liebevoller, „menschlicher“ im Sinne von wärmer wird. In diesem Sinne breitet sich das Reich Gottes aus, was mit der Geburt von Jesus Christus vor ca. 2000 Jahren begann.

Gerade gestern hatte ich ein interessantes Gespräch zu diesem Thema. Jemand sagte mir, wie es sie deprimiert, wenn sie aus der Sicht von Calvin ihren geistlichen Einsatz bewertet. Es habe ja dann alles keinen Sinn. Ich bestätigte ihr, dass sie sich mit Leistung nicht mehr Liebe von Gott verdienen könne. Wie sollte das auch gehen: Wer als Sünder zu Jesus geht, kann sicher sein, dass er von Gott geliebt wird und Vergebung erfährt. UND Gott liebt uns dann so sehr, dass dies nicht mehr steigerbar ist. Wir müssen nicht leisten, um angenommen und von Gott geliebt zu werden. Wir bekommen das gratis. Wir dürfen uns zuerst beschenken lassen und dann von unserem Ueberfluss weitergeben. So funktioniert auch das Vergeben: Zuerst die Vergebung bei Gott erleben. So beschenkt, sollten wir dann auch anderen vergeben können. Wenn wir in Christus bleiben, wird Gott dann gute Früchte wachsen lassen. Als Gerechte und Sünder zugleich (Luther) wird so an uns unsere Zugehörigkeit zu Gott sichtbar. Nicht, weil wir keine Fehler mehr machen, sondern weil wir zu unseren Fehlern stehen und wissen, dass sie uns Gott vergeben hat! Und das wir alles, was wir tun, Gott hingeben, damit er etwas Gutes daraus machen kann. Gott allein gehört die Ehre!
Gott so zu ehren, heisst glücklich zu werden:
Zu meinem Geburtstag schrieb mir ein befreundetes Ehepaar folgende Wort von Johannes Calvin, die gut dazu passen:
„Gott selbst hat in seiner unendlichen Güte alles so gestaltet, dass alles, was zu seiner Ehre dient, auch für uns heilvoll ist.“

Ich werde das Buch mit Interesse weiterlesen.

PS: Das nächste Kapitel heisst:

Das ‚Selbst‘ -  Wer bin ich? Gleicht er Mensch einem Hund oder Gott? (Seite 80) Da geht er auf den Behaviorismus Ende der 1960-er Jahre ein: „Nach dieser These sind die Menschen Tieren ähnlich, werden von chemischen Substanzen gesteuert und unterscheiden sich nicht wesentlich von Hunden. Sie besitzen weder eine Seele noch einen ‚freien Willen‘“, sondern funktionieren als ein geschlossenes, vorherbestimmtes System von Ursache und Wirkung.“ Interessant? Hier handelt es sich übrigens nicht um die biblische Prädestination. Denn die Bibel hält sehr klar an unserer Verantwortung fest, obwohl Gott allmächtig ist. Die Bibel hält hier die gute Mitte, die der Behaviorismus von B.F. Skinner nicht eingehalten hat. (Die biblische Prädestination hält das Gleichgewicht zwischen Gottes Allmacht und unsere Verantwortung, so, dass wir uns von unserer Verantwortung nicht erdrücken lassen müssen und so, dass wir auf der anderen Seite nicht in einen Fatalismus heineinfallen. Wer die gute Mitte der Bibel verlässt, fällt gewissermassen von der guten Mitte auf einer Seite runter. Unsere Zeit ist wirklich interessant. Möge Gott uns vor ihren Abgründen bewahren, damit wir wirklich sinnvoll und in die wertschätzende Liebe Gottes eingehen können.

PS 2: Ein Zitat von Orwell:
„Zweihundert Jahre lang haben wir an dem Ast gesägt, auf dem wir sitzen, und gesägt , und gesägt. Am Ende wurde wir für unsere Mühe belohnt, viel eher als erwartet. Wir fielen herunter. Jedoch hatten wir uns unsere Landung ganz anders vorgesellt: der Boden, auf dem wir landeten, war kein Bett voller Rosen, sondern eine Jauchegrube voller Stacheldraht … die Entfernung der Seele scheint deshalb kein routinemässiger chirurgischer Eingriff zu sein wie etwa eine Blinddarmoperation. Die Wunde kann sich entzünden.“ George Orwell, ‚Notes on the Way‘, 1940

Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine Herrenhut

Dieses jährlich erscheinende Losungsbuch enthält für jeden Tag ein aus der Bibel gezogener Vers. Zum altestamentlichen Vers wird immer noch einen neutestamentlichen hinzugefügt. Danach folgt ein Gebet, Gedicht oder eine Liedstrophe, die zum Text passt. Dies ist so kurz, dass man kaum Zeit verliert. Dies passt gut in unsere Zeit.

Daneben werden auch noch jeweils weitere Bibelstellen angegeben, die man in der Bibel nachschlagen könnte. Wer dies tut, wird in ca. 4 Jahren durch die ganze Bibel kommen.

In IdeaSpetkrum 50.2014 ab Seite 22 wurde über dieses Losungsbuch  berichtet. Darunter waren auch Meinungen von Lesern. Zum Beispiel der Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) in Deutschland:

"In der Welt, in der wir heute leben, tut Orientierung not. wollen wir nicht an den dramatischen Herausforderungen unserer Gesellschaft und der Globalisierung scheitern, brauchen wir festen Anhalt für unsere Entscheidungen. 
Der christliche Glaube ist eine starke Quelle solcher Orientierungspunkte. Der Grundgedanke der Herrnhuter Losungen, Menschen das Wort Gottes mit auf den Weg ihres täglichen Lebens zu geben, ist deshalb heute so aktuell wie je. Es ist gut und wichtig für uns alle, dass es die Losungen und dass es Leser für sie gibt."

Oder 

Katrin Göring-Eckardt, Vorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen:

"Kein Tag ohne die Losungen. Schon kurz vor dem Aufstehen oder beim ersten Blick auf den Computerbildschirm. Manchmal erst mitten am Tag, wenn der Wunsch, Atem zu holen, schon gross ist, und spätestens am Abend. Die Erinnerung an das, was wir glauben, durchbricht immer für einen Moment den Alltag, das Treiben. Manchmal ist dieser Moment winzig, flüchtig, aber immer da. Und so hilft er leben."

Obwohl das Konzept der Losungen top aktuell wirkt, handelt es sich um eine ältere "Geschichte". 1722 kamen die ersten Nachfahren der Böhmischen Brüder auf das Gut des Reichsgrafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700 - 1760) und gründeten den Ort Herrnhut. Eigentlich wollte der Graf Pfarrer werden. Aber sein Stand, seine Familie verlangten von ihm, das er Fechten und anderes zu Lehren hatte, um als Reichsgraf wirken zu können. Seine Lebensgeschichte ist interessant. Auf jeden Fall bildeten sie in Zinzendorf eine Glaubensgemeinschaft, die unter anderem auch John Wesley beinflusst hat. Als John Wesley enttäuscht aus Amerika nach England zurückkehrte, geriet er auf der Ueberfahrt auf dem Atlantik in einen Sturm. Da erlebte er diese Brüder und Schwestern, wie sie mitten in diesem Sturm sich von Gott geborgen fühlten. Während John Wesley bis zu diesem Zeitpunkt einem Leistungs-Christentum anhing, gab dieses Erlebnis für ihn den Ansporn sich zu bekehren. 

Aus IdeaSpetkrum:
"Am 3. Mai 1728 leitete Zinzendorf die Versammlung im Kirchensaal. An diesem Abend gab eine 'Losung' aus. Ihm kam die Idee, den Männern und Frauen einen Vers für den nächsten Tag mitzugeben - ein Leitwort, das ihnen Halt und Zuversicht geben sollte. Er entschied sich für den Liedvers 'Liebe hat dich hergetrieben, Liebe riss dich von dem Thron; und wir sollten dich nicht lieben, Gottes und Marien Sohn?'
Diese Worte verbreiteten sic am Folgetag im ganzen Ort. Sie waren so knapp und prägnant, dass sie sich jeder merken konnte. Fortan gab der Graf jeden Abend eine Parole - wie er sie damals noch nannte - aus." 
Kurze Zeit später - seit 1732 - werden die 'Losungen' von der sich in Herrnhut gebildeten Brüdergemeine, einer evangelischen Freikirche, zusammengestellt. Dabei werden jeden Tag ein Wort aus dem Alten und aus dem Neuen Testament sowie ein Liedvers oder ein Gebet zusammengebracht. Das alttestamentliche Bibelwort wird aus einer Sammlung von über 1'800 Worten 'ausgelost'. Dazu tritt ein Bibelvers aus dem Neuen Testament, der sogenannte Lehrtext, der von einem Losungsbearbeiter der Brüdergemeine ausgewählt wird. Er stellt eine Verständnishilfe, ein Auslegungsangebot für das Losungswort dar. Auch der Drittext - bestehend aus Gebet oder Liedvers - soll einen Missbrauch der Losung als Orakelspruch verhindern. In ihm kommt häufig die Wirkungsgeschichte der beiden Bibelworte aus dem alten und dem Neuen Testament zum Ausdruck. Von Anfang an gehörten Losungsgebrauch und die kontinuierliche Lektüre der gesamten Bibel zusammen.

Optisch ist das daran sichtbar, dass unter den 3 Losungstexten Angaben zu einer Kirchenjahresbibellese und zu einer ökumenischen fortlaufenden Bibellese abgedruckt sind. Sie führen im lauf von 4 Jahren durch die ganze Bibel." (Seite 22)

Hier einige Beispiele:
20.1.1933 Machtergreifung von Adolf Hitler:
"Du bist nicht ein Gott, dem gottlose Wesen gefällt; wer böse ist, bleibt nicht vor dir." (Psalm 5,5)

Befreiung des KZ's Ausschwitz am 7.1.1945:
"Er stösst die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen." (Lukas 1,52, Lehrtext)

Tag des Mauerbaus am 13..1961:
"Es wird ein Durchbrecher vor ihnen herauffahren; und ihr König wird von ihnen her gehen und der Herr vornean." (Micha 2,13)

19,11,1989 (Folgetag der Maueröffnung):
"Klopfet an, so wird euch aufgetan!"     (Lukas 10,11, Lehrtext)

(aus IdeaSpektrum 50.2014, Seite 24)

Ich vermute den gesamten Beitrag findet man auch auf:
http://www.ideaschweiz.ch/startseite.html
oder
http://www.idea.de/startseite.html

Ich hoffe, dieser Beitrag ermutigt auch Sie in Ihrem Leben mit Gott. Gott segne Sie.


Sonntag, 23. November 2014

Duales System Antinomie

Es ist interessant, wie wir Menschen im Westen dazu neigen, alles unter unseren Verstand abzusummieren. Obwohl die verschiedenen Menschen mit ihrer jeweiligen Logik zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangen, glauben wir, dass der menschliche Verstand fähig sei, alles richtig zu erfassen, zu durchdenken und zu bewerten.

In der Individualpsychologie versucht man mit Fragen diese persönliche Logik aufzudecken. Dadurch kann offensichtliche Fehlschlüsse erkannt und bereinigt werden. Doch im Zusammenhang mit Gott, machen dies die Wenigsten. Hinzu kommt noch, dass sich Gott durch die Bibel als einen Gott zeigt, der das Verfassungsvermögen des menschlichen Verstandes übersteigt.

Da wir unseren Verstand über Gottes Wort stellen, führt dies regelmässig dazu, dass wir Gott sagen, wie er zu sein hat – nach unserer persönlichen Logik. So habe sagen Arminianer, es könne nicht sein, dass Gott allmächtig und der Mensch verantwortlich sei, nur, weil wir es nicht zusammenbringen. Aber selbst das Licht, das ja nur eine Schöpfung Gottes ist, und nicht Gott selber, verhält sich ebenso für unseren Verstand gegensätzlich: Ist es nun ein „Teilchen“ oder eine „Welle“? Eigentlich müssten wir einsehen, dass es Antinomie gibt (1) und wenn wir diese Realität nicht nehmen wie sie ist, lösen wir nicht den Knoten, sondern machen ihn kaputt. Dabei müssten wir beide Realitäten akzeptieren, anstelle sie zu zerstören.

Genauso ist es mit der Dreieinigkeit Gottes und der Persönlichkeit von Jesus Christus: Jesus ist zu 100% Mensch und zu 100% Gott. Jesus ist der Sohn UND wesensgleich mit Gott dem Vater, denn wer den Sohn sieht, hat den Vater gesehen. In Berlin hatte ich eine interessante Diskussion mit einem Ehepaar, die für die Zeugen Jehovas warben. Sie betonten sehr stark die menschliche Seite von Jesus und den Unterschied zu Gott dem Vater. Dabei zeigten sie mir auch Johannes 1,1, wo es in ihrer Uebersetzung heisst, dass Jesus „ein“ Wort Gottes sei. Dabei steht im Urtext: „ho Logos“, also "DAS Wort". Völlig rational erklärten sie, dass Jesus ein weniger grosser Gott als Gott den Vater sei. Sie behaupteten, Jesus sei Gott ähnlich und Gott. Worauf ich sie darauf aufmerksam machte, dass wir Menschen als Ebenbilder Gottes, Gott ähnlich seien.
Vermutlich meint dies auch Jesus, wenn er im Johannes-Evangelium sagt, dass wir Menschen Götter seien. Daneben diskutierten wir noch über die anderen Götter, die ja eigentlich keine Götter sind. Auf jedenfall ist der Begriff Gott im engeren Sinn nur für den lebendigen Gott zu gebrauchen. Und dieser wird in der Bibel, besonders im Neuen Testament, als Dreieiniger dargestellt: Drei Personen und doch einer. Das bringt man natürlich mit unserem menschlichen Verstand nicht zusammen. Ich glaube aber, wenn wir dieses Geheimnis mit unserem Verstand zu lösen versuchen, werden wir etwas, was Gott uns offenbart hat, zerstören: Denn Jesus Christus hat sich als Mensch UND Gott für uns am Kreuz geopfert. Dadurch führt die „Verkleinerung“ oder „Erniedrigung“ von Jesus zu einer kleineren Gnade. Mein Gesprächspartner meinte zwar, dass sei nicht so. Wie das für ihn persönlich ist, kann ich natürlich nicht beurteilen. Es besteht die Möglichkeit, dass er sich tatsächlich alleine auf Christus verlässt und dann ist er gerettet, auch wenn die anderen Lehren nach meiner Meinung eine Irrlehre ist. Aber auf jedenfall führt die konsequente Umsetzung dieser „Erniedrigung“ von Jesus zu einer kleineren Gnade. Damit bietet es Raum für unser egoistisches Verlangen etwas zu produzieren, worum uns Gott lieben müsse. Die daraus entstehende Religiosität wird uns zu Leistung antreiben, anstelle alleine auf Christus zu vertrauen. Das erzeugt Druck. Dieser Druck wird gerne von Machteliten ausgenutzt um zu manipulieren und Machtmissbrauch zu tätigen. Damit können sie Menschen kontrollieren oder gar versklaven.

Im Prinzip können wir das gleiche von den Arminianern sagen, obwohl diese weniger irrlehrig sind, da viele Arminianer keine konsequenten Arminianer sind (2). Gerade vor wenigen Tagen hat mir ein Prediger gesagt, dass Calvinisten dazu neigen, nichts zu tun. Da sei doch eigentlich die arminianische Lehre – obwohl sie nicht wahr ist – besser, weil sie zur Leistung antreibt. Gott bewahre uns davor! Jesus Christus ist am Kreuz gestorben, damit wir aus Gnaden, d.h. aus einem reinen Geschenk von Gott errettet werden. Dies mit Leistung zu ergänzen, bedeutet, dass wir das Opfer von Christus erniedrigen. Wir machen aus einem Geschenk ein Leistungsdruck! Dabei sollten wir schmecken, wie lieb uns Gott der Vater hat. Er hat seinen Sohn, Gott der Sohn, für uns ans Kreuz gehen lassen. Das übernahm Jesus aus Gehorsam: Er liebt uns, so sündig wie wir sind. Als von Gott erwählte werden wir BEDINGUNGSLOS von Gott geliebt. Wenn uns dieses Bewusstsein immer grösser wird, dann werden wir dankbar und beten Gott wirklich an. Und das ist doch unser Lebenssinn, der uns wirklich Freude macht! Gott alleine die Ehre geben! Wer es erlebt hat, weiss, was ich meine! Was für eine Ehre, die uns Gott da schenkt.

Aus dieser Dankbarkeit, wenn wir in Christus bleiben, werden von alleine gute Früchte wachsen. Gott macht uns nicht fähig, gute Früchte wachsen zu lassen, sondern Gott schenkt uns die guten Früchte (3)! Und wenn wir Gutes tun, spielt es einfach keine Rolle mehr, dass es immer noch etwas Egoistisches daran hat, denn wir bitten dafür um Vergebung und wissen, dass Jesus auch dafür gestoben ist und alles in Ordnung ist. So können wir ohne Leistung in den guten Werken, die Gott vorbereitet hat, leben. Das ist, wie es Paulus einmal sagte, nicht gegen das Gesetz. Ich denke, es ist die Erfüllung des Gesetzes, die Jesus Christus schafft.

Wer hier weiter denkt, wird darauf stossen, dass mit dem Wissen der biblischen Prädestination (4), die Gnade, das Geschenk Gottes, alles überragt.

Gestern habe ich gehört, dass Gott die Welt dual geschaffen habe: Nacht und Tag, Mann und Frau usw. Es sei wie bei einer Steckdose, wo diese Spannung einen Kocher, einen Kühlschrank usw. antreibt. Das werde erst in Offenbarung 22 wieder aufhören. Ich weiss nicht, ob es korrekt ist, dass es aufhört, aber dort wird gesagt, dass das neue Jerusalem keine Nacht mehr kennen wird.

Auch die Antinomie setzte eine gewisse Dualität voraus, indem zwei Wahrheiten nebeneinander stehen, wie eben erklärt. Ich finde dies höchst interessant. Gott ist so gross. Wenn wir so an unsere Grenzen unseres Denkens kommen, kann ich nicht anders, als Gott dafür loben und preisen.Was für eine Freude, dass verstehen zu können und zu wissen, dass Gott noch viel grösser ist.
  

Anhang
(1)    „Die moderne Physik sieht sich bei der Untersuchungen des Lichts einer solchen Antinomie gegenüber. Es bestehen zwingende Beweise dafür, dass das Licht aus Wellen besteht, und ebenso zwingende Beweise dafür, dass es aus Korpuskeln besteht.  Es ist nicht ohne weiteres einzusehen, wie Licht sowohl aus Wellen als auch aus Korpuskeln bestehen kann, doch ist es erwiesen, und somit kann keine der beiden Anschauungen zugunsten der andren ausgeschlossen werden. Ausserdem kann keine auf die andere zurückgeführt oder mit deren Terminologie erklärt werden. Die beiden scheinbar unvereinbaren Standpunkte müssen aufrechterhalten und jeder für sich als zutreffend behandelt werden. An einer solchen Notwendigkeit nimmt unser an den Gesetzen der Logik geschultes Denken zweifellos Anstoss; es lässt sich jedoch nichts daran ändern, wenn wir den Tatsachen Rechnung tragen wollen. Daraus geht also hervor, dass eine Antinomie nicht dasselbe ist wie ein Paradox. Ein Paradox ist eine Redefigur, ein Wortspiel. Es stellt eine Aussageform dar, die zwei gegensätzliche Gedanken zu verbinden oder durch eben die Worte zu leugnen scheint, mit denen sie etwas bekräftigen will. Viele Wahrheiten des Christenlebens können paradox formuliert werden. Im Gebetbuch der Anglikanischen Kirche zum Beispiel heisst es, dass ‚Dienst (Gottes) die vollkommene Freiheit‘ ist; der Mensch wird frei, indem er zum Diener wird. Paulus führt verschiedene Paradoxe aus seiner eigenen Erfahrung als Christ an: ‚betrübt, aber allezeit fröhlich … Leute, die nichts haben und doch alles besitzen‘; wenn ich schwach bin, so bin ich stark‘ (2. Kor. 6,10; 12;10). Das Entscheidende an einem Paradox ist jedoch, dass nicht die Tatsachen, sondern die Worte den scheinbaren Widerspruch hervorrufen. Der Widerspruch besteht in Worten, aber nicht in Wirklichkeit, und bei etwas Ueberlegung zeigt sich, wie er beseitigt und die gleiche Aussage ohne Paradox formuliert werden kann. Mit anderen Worten, ein Paradox ist immer entbehrlich, wie  die obigen Beispiele zeigen. Im Gebetbuch könnte auch stehen, dass diejenigen, die Gott dienen, von der Herrschaft der Sünde befreit sind. In 2. Kor. 6,10 hätte Paulus sagen können, dass die Traurigkeit über bestimmte Dinge und die Freude in Gott in seinem Leben stets nebeneinander existieren und dass er auch ohne Besitz und Bankkonto das Gefühl hat, dass alles ihm gehört, weil er Christi Eigentum und Christus der Herr über alles ist. Desgleichen hätte er in 2. Kor. 12,10 sagen können, dass der Herr ihn dann gerade am meisten stärkt, wenn er sich seiner eigenen Schwachheit am deutlichsten bewusst ist. Solche nicht-paradoxen Formulierungen wirken neben den Paradoxen die sie ersetzen sollen, plump und farblos, haben aber genau die gleiche Bedeutung. Bei einem Paradox geht es eben nur darum, wie man die Worte gebraucht Die Anwendung eines Paradoxes ist ein interessanter, sprachlicher Kunstgriff, schliesst aber nicht die Spur eines Widerspruchs in der Aussage ein, die wir damit machen wollen.

Darüber hinaus ist festzustellen, dass ein Paradox immer verstehbar ist…..“ Es ist für das Gedächtnis gut und regt das Nachdenken an. 

„Dagegen ist eine Antinomie weder entbehrlich noch verständlich. Sie stellt keine Sprachfigur dar, sondern eine festgestellte Beziehung zwischen zwei Aussagen über bestehende Tatsachen. Sie wird nicht willkürlich geprägt, sondern uns von den Tatsachen selbst aufgezwungen. Sie ist unvermeidbar und nicht zu lösen. Wie können sie weder erfinden noch erklären. Man kann sie auch nicht irgendwie abtun, es sei denn durch Verfälschung eben der Tatsachen, die uns dazu führten.“

“Betrachten wir die beiden Grundsätze nicht als einander ausschliessende Alternativen, sondern als ein sich ergänzendes komplementäres Phänomen, das wir zur Zeit nicht begreifen können.“ (Seite 16 – 17 aus Prädestination und Verantwortung. Gott und Mensch in der Verantwortung von J. I. Packer) 

Vielleicht versteht heute jemand das Licht besser durch die Quantenphysik … Aber für die von Gott offenbarte Antonomie müssen wir – vermutlich – noch warten, bis Jesus Christus zum zweiten Mal kommt. 


(2)    Konsequente Arminianer würden bei der Evangelisation die Menschen zu überzeugen versuchen. Sie wären versucht, sie sogar zu manipulieren. Zudem würden sie nicht beten, dass der Heilige Geist sich ihnen offenbart oder dass sich ihr Wille für Gottes Geschenk öffne. Das sind alles biblische Wahrheiten, der der Calvinismus klar bekennt und sehr wichtig ist. Zudem gibt es uns auch einen gesunden „Lastenausgleich“. Wir sind verantwortlich Gottes Wort zu erzählen, aber Gott ist es, der die Bekehrung und die Willensänderung schenkt. Erfolg und Misserfolg liegt in Gottes Hand. Verstehen wir, dass  viele Arminianer, wenn sie beten, praktisch wie Calvinisten handeln, ohne dass sie es merken?

Selbst John Wesley mit seinen arminianischen Gedanken, offenbarte bei einer Diskussion mit einem Calvinisten, dass er in den wichtigen Dingen, calvinistisch dachte. Leider blieben gewisse problematische theologische Ansätze bei John Wesley. Aber seine anfängliche pointierte Ablehnung des Calvinismus – oder muss ich sagen, sein Versuch sich von George Whitefield zu emanzipieren? – wurde mit der Zeit geglättet. So musste John Wesely zum Beispiel lernen, dass auch wenn er als Bekehrter sündigt, immer noch Christ ist… Wir sind als Bekehrte Gerechte und Sünder zugleich, wie es Luther sagte.

(3)    Spurgeon sagt dies so schön in seiner Predigt „Das Geheimnis von Kraft im Gebet“ (s. hierzu auch auf diesem Blog, 20.11.14). Es geht um Johannes 15,7 und 8,31+31:

Wir hätten deshalb nun ganz natürlich erwarten können, jetzt von ihm zu hören, wie wir alle geistlichen Taten ausrichten vermögen. Aber der Herr Jesus sagt nicht: Ohne mich könnt ihr nichts tun, doch wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in Euch bleiben, so werdet ihr alle geistlichen Dinge und leiblichen Dinge tun können. Er spricht, jetzt nicht von dem, wozu die Seinen im Stande sein werden, sondern von dem, was an ihnen geschehen wird. „Es wird Euch wiederfahren.“ Er sagt nicht: „Es wird Euch genügend Kraft verliehen werden, zum Tun aller guten Werke, wozu Ihr ohne mich nicht imstande seid. Das wäre ja wahr genug und gerade die Wahrheit sein, welche wir hier erwartet hätten. Der Herr aber geht in seiner Wahrheit viel weiter. Und sagt etwas viel besseres.

„Ihr werdet bitten.“ Durch das Gebet werdet ihr zum Tun befähigt werden. Vor jedem Versuch etwas zu tun, sollt Ihr bitten. Das köstliche Vorrecht, das hier gegeben wird, ist ein mächtiger, den Sieg davon tragender Gebetsgeist. Die Macht des Gebets ist ein wichtiges Zeichen unserer geistlichen Stellung. Und wenn uns diese in einem hohen Grade gesichert ist, so sind wir im Blick auf alle anderen Dinge bevorzugt.

Einer der ersten Erfolge unserer bleibenden Bedingung mit Christus, wird also die Uebung des Gebets sein. Ihr werdet bitten, wenn andere nicht bitten, suchen, anklopfen."

(4) Es gibt natürlich auch Menschen, die glauben an die Prädestination und betonen dabei so die Allmacht Gottes, dass sie denken, dass sie nicht mehr beten sollen. Es geschehe ja sowieso, was Gott will. Es wird uns sofort auffallen, dass dies keine duale Betrachtung mehr ist, sondern eine eindimensionale. Es ist wie das Gegenstück jener, die glauben, alles hänge von uns Menschen ab. Die Realität, die uns die Bibel offenbart, ist aber um einiges komplexer.
Vor 500 Jahren hat bereits Johannes Calvin über solche "Prädestinationisten" gesagt:

"Es ist daher gar zu töricht, wenn jene Leute, um des Menschen Herz vom Beten abzuhalten, faseln, es sei vergebens, Gottes Vorsehung, die stets zur Hut aller Dinge auf der Wacht stehe, mit unserem störenden Schreien zu ermüden!" Calvin reagiert gar nicht nett, wenn er sagt:
"Ebensowenig sinnvoll ist auch das Geschwätz anderer, es sei überflüssig, um Dinge zu bitten, die der Herr doch aus freien Stücken zu gewähren bereit sei. Er will ja  gerade, dass wir erkennen, wie uns eben das, was er uns, aus seiner freien Güte zufliessen lässt, auf unsere Bitten hin gewährt ist! Das bezeugt uns ein denkwürdiges Psalmwort, dem noch viele ähnliche zur Seite treten: 

'Die Augen des Herrn merken auf die Gerechten, und seine Ohren auf ihr Schreien (Ps. 34,16). Hier wird Gottes Vorsehung gerühmt, wie sie aus freien Stücken darauf aus ist, für das Heil der Frommen zu sorgen, aber dabei wird doch zugleich die Uebung des Glaubens nicht beiseitegelassen, die alle Lässigkeit aus dem Herzen des Menschen austreibt. So wachen also Gottes Augen, um der Not von uns Blinden abzuhelfen; aber auf der anderen Seite will er auch unsere Seufzer hören, um seine Liebe gegen uns desto besser zu beweisen! So ist beides wahr: 
'Der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht' (Ps. 121,4) - und doch verzieht er auch, als hätte er uns vergessen, wenn er uns lässig und stumm sieht!" (aus Institutio III,20,3)

Argumentiert hier Calvin nicht auch dualistisch? Wie könnte man auch diese Bibelaussagen anders wiedergeben als mit den zwei Wahrheiten nebeneinander?

Donnerstag, 20. November 2014

Das Geheimnis von Kraft im Gebet von C.H. Spurgeon


Vorletzten Mittwoch Hauskreis war Filmabend.

Bevor wir alle möglichen Filme vorstellen konnte, zu denen spannende Action-Filme gehörten, hatte sich die Mehrheit für die Lebensgeschichte von C.H. Spurgeon entschieden.

Auf Google findet man in hier:

Hier handelt es sich um die englische Version, wir haben auf CD eine gekaufte Version geschaut. (Das finde ich gut, um die Filmemacher zu unterstützen.) Es gibt seine Lebensgeschichte auch in Deutsch auf Youtoub. Es ist sehr eindrücklich, nicht nur, dass er bereits mit 16 Jahren predigte und Tausende, ja Millionen mit seiner Predigt im 19. Jahrhundert erreichte. Auch sein soziales Engagement und sein Einsatz in der Theologie und der Ausbildung für Prediger.

Damals konnte man noch nicht im Fernsehen auftreten, aber vor grossen Menschenmassen. Das machte er seinem Vorbild  George Whitefield nach (allerdings ist Spurgeon ein calvinistischer Baptist, aber die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt der Taufe ist ja eine Nebenfrage.). Zudem schrieb er viel. Mit dem Verkauf seiner Bücher konnte er sich, seine Gemeinde u.a. unterstützen und sich Zeit nehmen, für Korrespondenz, die zum Teil seelsorgerlich waren. Jemand in unserem Hauskreis meinte, sie hätte gerne mehr von den Predigten von Spurgeon gehört. 

Das nahm nun ein anderer Hauskreisteilnehmer wahr, weil es ihn auch fasziniert hatte. "Seinen" Abend (wir teilen die Gestaltung der Hauskreisabend nach Interesse auf) mit einer Predigt von C.H. Spurgeon gestalten. Das war diesen Mittwoch. Und ich muss sagen, es war beeindruckend: 

Seine Predigt: "Das Geheimnis von Kraft im Gebet" ist einfach überwältigend. 

Ich habe auf diesem Blog immer wieder etwas von der Gnade geschrieben, wie sie ein freies Geschenk von Gott ist. Genau dies betont Spurgeon, aber er geht noch viel weiter. Während ich längere Zeit mich damit abmühte, diese unverdiente Gnade zu verstehen und zugleich jene Bibelstellen, die unsere Verantwortung verknüpfen, schafft es Sprugeon in dieser Predigt anhand des Gleichnisses von Jesus über den Weinstock mühelos, dies zu erklären. Dabei greift er in eine Fülle geistlicher Wahrheiten, die ich bis heute noch in keiner Predigt gehört habe. Dies bestätigten gestern im Mittwoch-Hauskreis auch alle. (Zum Teil hat es mich eher verwirrt, was gewisse predigten und Erklärungen anbelangte, als das es dienlich war. Andere wieder brachten mich auf die richtige Spur. Aber ich glaube niemand konnte es so deutlich und klar sagen wie Spurgeon. Gut, bei Calvin und Luther, Augustin und anderen habe ich in diese Richtung eine theologische Abhandlung gefunden. Aber diese Predigt war das erste Mal, dass  ich eine Predigt in so "moderner" Sprache darüber gehört habe. Das geht für mich Otto Normalverbraucher einfacher hinein... Und es war eine riesige Freude zu hören, wie die Gnade so verherrlicht wird. Obwohl ich sie als theologisches Konstrukt bereits begonnen habe zu verstehen, wird es so lebendiger und greifbarer.)

 Jemand meinte, die Bilder in der Preidt, die er verwendet, habe sie besonders angesprochen. Es ist Kunst der Sprache und ich dürfe ja nicht dazu Bilder - zum Beispiel mit einer Power-Point-Präsentation, machen. Es sei wichtig, dass die Worte in ihr die Bilder machen.

Zugleich ist es für uns moderne Menschen, die es gewohnt sind, schnell etwas aufzunehmen und wieder etwas Neues aufzunehmen (und manchmal auch die Zusammenhänge vergessen - also Mühe haben verknüpft zu denken, auch etwas gewaltig,) eine 3/4 h lang eine zusammenhängende Predigt zu hören. Heute würde man wohl mit diesem Stoff drei oder vier Predigten machen. Allerdings glaube ich nicht, dass der Inhalt oft in vier Predigten erwähnt wird: Da ist keine Spur des Wohlstands-Evangelium, sondern auch das natürliche Leiden als Christen wird erwähnt, damit wir Gottes Herrlichkeit erleben können. Es geht auch nicht um Leistung oder hochmütige Selbstverbesserungsversuche. Spurgeon ist wirklich genial. Und durch seinen Lebensbericht weiss ich, dass ihm das nicht einfach in den Schoss gefallen ist: Er nahm sich lange Zeit, betete, verwarf eine Predigt und begann neu, bis er merkte, dass er es hatte und der Heilige Geist ihn führte. Dann sprudelte es nur so. Und das merkt man in dieser Predigt.

Einige Punkte in der Predigt hatte ich schon früher einmal gehört: Zum Beispiel, dass das Gebet wie unser Atmen sei, wenn wir in Christus sind. Und auch dieser Begriff in Christus sein, erklärt er wunderbar. Ich habe dies ebenfalls einmal versucht zu erklären - und wenn ich etwas erkläre, lerne ich gleichzeitig. Es ist also nicht etwas, was ich schon vollkommen verstanden hätte. Daher brachte mir dann der Einwand, man könne doch als Christ nur "in Christus-sein" etwas durcheinander. Aber Spurgeon nimmt dies sehr gut auf, indem er erklärt, dass wir Christen zuerst wie Babies (Buschis sind) sind. Der Reifungsprozess an der Rebe ist ein Wachstum. ABER eben kein Wachstum, dass uns besser macht. Wir sind immer noch nichts, weil alles ein Geschenk von Gott ist. An anderer Stelle sagt er dann zwar, dass man so wertvoller wird als 10'000 anderer Christen, aber das versteht er nicht als Leistung, auch nicht als Hochmut (darauf geht er auch sehr gut ein) - sondern was Gott aus uns macht, wenn wir in Christus bleiben. UND, was wichtig ist: Wir haben immer alles in Christus (wie ich sagen würde, aber Spurgeon sagt es genialer). Daher gibt es gleichzeitig keinen Unterschied von uns Menschen, wir sind alle Sünder. Die einten sind errettet, weil sie die Vergebung von Christus wollen, die anderen habe die Vergebung nicht, weil sie diese nicht von Christus wollen. Und auch unter den Christen gibt es kein Unterschied: Es sind alle Gerechte und Sünder zugleich, wie Luther sagte. Und doch gibt es ein Unterschied: Es gibt Christen, die leben ein verknorztes Christenleben und das Gebet ist nur ein Muss. Wer aber - so wie er errettet wurde bei Christus bleibt - der wird vom Heiligen Geist angetrieben zu wachsen. Nicht das wir es könnten, wir können es nicht, aber Christus in uns, wenn wir in Christus sind, wird es tun. Das Wachstum erfahren wir als Christen also, indem wir lernen bei Christus zu bleiben.

Bei all dem moralisiert er in keiner Weise, sondern beschreibt unsere tiefsten Sehnsüchte, die wir in Christus gestillt bekommen, wenn wir denn in Christus bleiben. Wie wir in Christus kommen, ist klar: Zu Christus gehen. Und dann liegt es an uns Christen, dass wir in Christus bleiben, DANN tut es Christus (wobei letztendlich auch das in Christus bleiben Gott macht. Hier kommt wieder Gottes Allmacht und unsere Verantwortung zum Zuge.): Der Heilige Geist nimmt in uns Wohnung und kann unsere innerstes Verändern. Sobald wir aber nicht mehr in Christus sind, fängt das alte Lied an. Das erklärt ... und erklärt das freudlose, knorzige Christsein. 

Aber eben, am Besten reinhören. Ich werde es auch nochmals machen.